Kommentar zur 6-Quartale-Voraus-Projektion

Deutschland-Prognose vom 30. November 2017

Der Gesamteindruck der Prognose besteht darin, dass sich Deutschland in einem konjunkturellen Aufschwung befindet. Aber das ist schwer einzuschätzen. Es könnte sich auch um einen Höhepunkt handeln, der in Kürze überschritten wird. So sah es jedenfalls in den bisherigen Prognosen aus. Ein leichtes Nachlassen der wirtschaftlichen Tätigkeit wird für das kommende Jahr vorhergesehen. Das steht im Widerspruch zur Prognose der "Gemeinschaftsdiagnose", aber nicht der des IMF. Vergleicht man 2016 mit 2017 quartalsweise - einschließlich der Prognose für das restliche Jahr - so zeigen 3 Quartale ein kräftiges Wachstum, während nur ein Quartal vergleichsweise abfällt. Bezogen auf das ganze Jahr 2017 ergibt sich eine Wachstumsrate von inzwischen 2,5 Prozent. Das liegt ein wenig über den Prognosen anderer. Zwar bestätigen sich die Aussagen, dass die Wachstumsrate ihren Tiefpunkt im zweiten Quartal erreicht und es danach wieder aufwärts geht, aber das geschieht wesentlich kräftiger als bisher vorhergesehen. Die weitere Entwicklung hängt u.a. davon ab, ob der Staat die wenigen Milliarden locker macht, die bei den Bruttoanlageinvestitionen im kommenden Jahr (2018) fehlen werden. Momentan dümpelt das Wachstum der Investitionen des Staates so vor sich hin, obwohl dringend Investitionen in die Infrastruktur erforderlich wären. Im Einzelnen:

Das reale Bruttoinlandsprodukt steigt im laufenden Jahr 2017 real um 2,5 Prozent, und im kommenden Jahr um 2,2 Prozent. Das Potenzialwachstum des BIP wird in 2017 bei 0,9 Prozent liegen und 2018 leicht ansteigen - auf 1,2 Prozent.

Der (reale) Konsum der privaten Haushalte nimmt 2017 um 2,1 Prozent zu. 2018 wird sein reales Niveau um weitere 1,5 Prozent höher liegen.

Die Bruttoanlageinvestitionen stgnieren 2018 um 0 Prozent (exakt sagt das Modell: -0,3%), vor allem durch den Rückgang der Bauinvestitionen bedingt, die eine negatives Wachstum von - 3,4 Prozent erwarten lassen.

Die Exporte steigen um 4,6 (2017) und 2,9 (2018) Prozent, die Importe wachsen um 4,8 (2017) und 1,8 (2018) Prozent, so dass der Außenbeitrag 2017 um 3,8 Prozent anwächst, 2018 um 8,9 Prozent.

Der Preisindex des privaten Konsums hat 2017 mit 1,5 Prozent seinen Tiefpunkt von 2016 deutlich überschritten und bleibt 2018 etwa auf derselben Höhe - bei 1,2 Prozent.

Wie die aktuelle und die prognostizierte Phillipskurve deutlich machen, werden die Steigerungsraten der Tariflöhne des produzierenden Gewerbes zwischen 2,4 und 3,4 Prozent liegen - bei zunächst noch fallender Arbeitslosigkeit. Allerdings sieht die Phillipskurve diesmal ganz und gar nicht typisch aus.

Die Beschäftigung wird weiter ansteigen, in 2017 um 1,4 Prozent und in 2018 um 1,1 Prozent. Bislang nahmen die Arbeitslosenzahlen nicht wesentlich zu, trotzdem die Zahl der Erwerbspersonen gestiegen war; doch das kann sich jetzt ändern, wenn auch nicht dramatisch. Modellintern werden zwei Schätzgleichungen für die Bestand an Arbeitslosen verwendet, die diesmal entgegengesetzte Verläufe zeigen. Der Tabellenwert liegt in der Mitte von beiden. Zum Ende des Jahres 2017 sind knapp 2,5 Mio. und Ende 2018 rund 2,4 Mio. Arbeitslose zu erwarten. Diese Zahlen beruhen zum Teil auf demografischen Angaben, die zur Zeit sehr unsicher sind.

Zu den Staatsfinanzen: Die Defizitquote des Staates wird im Prognosezeitraum weiter negativ bleiben, das heißt, der Staat schöpft weiter Überschüsse ab. 2017 ist ein Plus von 49 Mrd. Euro und - wenn sich die Ausgaben- und Einnahmenpolitik nicht ändert - was aber angesichts des bevorstehenden Regierungswechsels nur gering wahrscheinlich ist - darf man 2018 ein Überschuss von 60 Mrd. Euro erwarten. Zur Erinnerung: Diese Zahl fasst alle öffentlichen Haushalte zusammen und stellt sicherlich die problematischte Aussage der Prognose dar.

Die Rahmenbedingungen: Eine wesentliche Determinante für eine Deutschland-Prognose ist die Entwicklung des Welthandelsvolumens. Der Economic Outlook des IMF vom Oktober 2017 prognostiziert für das laufende Jahr 2017 ein Wachstum des Welthandels von 4,2 Prozent und für 2018 werden 4,0 Prozent angegeben.

Die im Modell implementierten Zusammenhänge legen einen leichten Anstieg des Außenwertes des Euros bei einem mittleren Wechselkurs von US $ 1,15 je Euro nahe, der allerdings aktuell schon höher ist.

Die inzwischen wieder angezogenen Importpreise und Exportpreise tendieren zu schwankenden Terms of Trade.

Aktuell wird unterstellt, dass sich der Ölpreis etwas über US-$ 50 bewegt. Das entspricht der offiziellen Prognose des IMF.

Nach wie vor muss an die Unsicherheit auf den Wertpapier- und Geldmärkten erinnert werden, die eine Tendenz zur Stagnation und zur Volatilität zeigen. Politik und Wirtschaft befinden sich weltweit im Umbruch. Die Politik experimentiert mit verschiedenen Rezepten, um auf den Bedeutungsverlust der Industrieproduktion zu reagieren. Europa kämpft immer noch mit der Verschuldungskrise Griechenlands. Flüchtlingsströme durchdringen weiterhin die nur provisorisch geschützten Außengrenzen Europas. Die Mitglieder der NATO sehen sich gezwungen, die vertraglich vereinbarten Verteidigungsausgaben entweder zu tragen oder sich um ihre Sicherheit selber zu kümmern. Der BREXIT steht bevor und die Handelpolitik der Europäischen Union gerät unter Beschuss. In Deutschland zieht sich die Neubildung einer Regierung unerwartet lange hin. Sollte in dieser Situation die Börse einbrechen, sind die von einem ökonometrischen Modell gezeichneten positiven Aussichten hinfällig: Sie zeichnen nur die in den Daten enthaltenen Tendenzen nach und projizieren sie in die Zukunft.

Unsicherheit durch die Datenlage und durch Datenrevision: Bedingt durch die Flüchtlingskrise sind die demograhischen Daten schwer bis gar nicht zu prognostizieren. Da das Modell ohne Zahlen aber auch nicht arbeitet, wurde eine jährliche Nettozuwanderung von 60.000 unterstellt.

Die aktuelle Datenlieferung des Statistischen Bundesamtes zeigt Differenzen nur für das Jahr 2017. Davon sind fast alle Variablen - mehr oder weniger - betroffen. Das Modell musste nur geringfügig verändert werden, um es an die Daten anzupassen.

Kritik der August-Prognose Eine exakte Angabe der Prognosefehler, die für das gerade abgelaufene Quartal aufgrund der inzwischen vorliegenden Daten ermittelt werden können, findet man wie gewöhnlich unter Vierteljährige Prognosefehler. Demnach lag der maximale Prognosefehler bei 3,5 Prozent, nochmals die Investitionen betreffend, nur in entgegengesetzter Richtung. Der minimale Fehler lag bei 0 Prozent, die Zahl der Arbeitsnehmer betreffend. Insgesamt gesehen war die Prognose vom August 2017 ein wenig zu pessimistisch.

Ein umfassenders Bild der auf Jahreszahlen bezogenen Prognosegenauigkeit des EMGE liefert die Tabelle bisherige Prognosen.

Anlässe für Skepsis gegenüber der Prognose? Nach einer aktiven Zeit von ca. 10 Jahren (die erste Version lief am 2.3.2007) hat das EMGE bei den Hauptaggregaten eine hohe Genauigkeit der Ex-post-Prognosen, die zum Teil deutlich und dauerhaft unter einem Prozent liegt, und eine gute Plausibilität bei den meisten Simulationsergebnissen und Echt-Prognosen erreicht. Angesichts der sicherlich notwendigen, aber für den Prognostiker problematischen, zum Teil berächtlichen nachträglichen Änderungen in den Daten und angesichts der zugrunde liegenden Methodik eines regressionsgestützten Modells kann grundsätzlich nicht angenommen werden, dass mit der Stabilisierung der Strukturen eines empirisch ständig justierten Modells irgendeine Art von Sicherheit bei den Prognosen erreicht worden wäre. Aus diesem Grund wird auch keinerlei Garantie gegeben. Hinzu kommt, dass die Wirtschaft kein autonomes System ist, sondern durch Ereignisse aller Art von seiner "natürlichen" Entwicklung abgelenkt werden kann.

Letzte redaktionelle Bearbeitung dieses Kommentars: 30. November 2017


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